Dark light matter

Nach Berlin geworfen

Der Einsiedlerkrebs wollte ausziehen, auf der Suche nach einem neuen geräumigeren Haus. Berlin nahm mich auf. In die weiss verschneite Stadt hinaus, aus dem beeindruckenden Glaskonstrukt des Hauptbahnhofs, die Orientierung suchend, zunächst über wohltuend leere weisse Flächen gehend, die Schweizer Botschaftsflagge vor meinem Gewohnheitshintergrund als Schweizerin geradezu übrsehend, mich am Bild des pechschwarzen Flusses in umgebendem Weiss mit futuristischer Brücke  und schwarz gekleidetem Jogger ergötzend. Diese Mischung aus schmetternder Hightech Architektur und ratloser Leere, pittoresk angehäufelten Pflastersteinen da und den humoristisch anmutenden Trompe l`oeil Verhüllungen an gewissen Gebäuden in Umbaumoratorien dort...Die Grösse der Weltbühne wirbelt abwechselnd stechende Scheinwerferblitze ins Auge und lässt Dunkelheit zu aktiver Masse werden. Berlin ist kein Haus. Es ist ein Teller, ohne schützende Ränder. Darauf wachsen und vergehen ohne Unterlass dekorative Muster aus kreativen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ingredienzen. Unüberschaubare Massen grosser und kleiner emsiger Krabbler betätigen sich 24h täglich, unaufhörlich suchend, aufbauend und wieder verwerfend. Neues Glitzerzeug steht neben alten Narben und dazwischen magische Leere.
Ich spüre den Anspruch, Berlin meine Aufwartung zu machen. Durchdringe das Bildhafte, das Äusserliche. Tanze in Bars, die nächstentags vom Bagger vrschluckt werden, stehe stundenlang staunend im Neuen Museum, mich verbeugend vor David Chipperfield. Studiere Mehretu`s „Grey area“. Lasse mich beeindrucken vom Vorhöllentor am Berghain mit all seiner verwunderlichen Symbolik, denke an Boschs Höllenvisionen.
Motive, Motive, Themen, Stimmungen... Ansprüche.
Dann beginnt Inneres mit Äusserem zusammenzufallen : ich erkenne, dass ich nach dem Verstärker dessen suche, was ich mitbringe. Formal ist es die Auseinandersetzung mit Licht und Schatten. Der atemlose Blick nach Dunkler Materie, nach dem immerwährend Unerklärlichen.


Weltentwürfe, unermüdlich ins Auge gehend

...dass es nicht genug zu durchdenken und zu
durchfühlen sei, welch eminente
Veränderung der Wechsel vom geozentrischen zum heliozentrischen
Modell nach sich gezogen hatte.
Ganz zu schweigen von der Vorstellung der Welt als Scheibe.
Das Entstehen des Individuums, das Geworfensein
In gigantische Raumdimensionen, die punktuelle Wahrnehmung infolgedessen
und Anklammerung an das linearperspektivische
Verklären, dem Halt in der Egozentrik sei dank seit der Renaissance...
Mir war klar, - und schwante es dumpf,
spätestens im Umgang mit ätzender Wahrnehmung
der Gegenwart:
das kanns nicht gewesen sein. Da steht längst
ein neuer Kopernikus im Sumpf.
Mehrere gar, denn heute schliessen sie sich
kurz, die grauen Hirnmassen,
ent- und verwerfen Modelle von Parallelwelten,
diskutieren MACHOS, WIMPS, SUSY, HDM und CDM,
schielen skeptisch nach MOND und kartographieren das COSMOS-Feld.
Wo wenig Licht mit so viel Schatten tanzt, tut Erklärung Not dem Blick ins Dunkel.
Mit kümmerlichen Methoden humpeln
wir daher, mit mickrigen
Darstellungsversuchen,
dass wir am Ende neidisch sein
sollten auf jene in Kliniken,
die mit multiplen Innenumbauten ihrer Hirnzellen
der Sache durchaus schon näher sein und mehr
Dimensionen abgewinnen mögen...

Franziska R

 

Franziska Rutishauser Nest - dark light matter
Öl auf Leinwand, 105cm x 190cm, 2010
Franziska Rutishauser Nestherz
Bleistift auf Aquarellpapier, 60cm x 40cm, 2010
Franziska Rutishauser Gespalten - dark light matter
Öl auf Leinwand, 105cm x 190cm, 2010
Franziska Rutishauser Calm I - dark light matter
Öl auf L.wd. 105cm x 190cm 2011
Franziska Rutishauser Calm II - dark light matter
Öl auf L.wd. 105cm x 190cm 2011

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