.
.
.
.
.
.
.
.
.
"...In jedem Kunstwerk ist so etwas wie mimesis, wie imitatio. Mimesis heisst hier freilich nicht etwas schon Vorbekanntes nachahmen, sondern etwas zur Darstellung bringen, so dass es auf diese Weise in sinnlicher Fülle gegenwärtig ist." In den Bildern von Franziska R. ist eine deutliche Tendenz zu dieser von Gadamer definierten Art der Mimesis zu erkennen, welche die Ebene der Abbildung und Nachahmung verlässt und erfahrbar werden lässt, was sonst im Gegenstand selbst verborgen bliebe. Dazu gehört sowohl das unerbittlich genaue Studium der Motive als auch das leichte Verfremden derselben. Diese Tatsache mag erstaunen, da wir doch auf den ersten Blick eine genau nachgezeichnete und gemalte Bildlichkeit vor uns sehen.
Das Staunen entsteht vor allem deswegen, weil sichtbar wird, dass im Bildgegenstand viel verborgen bliebe, wenn es nicht herausgeschält würde. Die Frage stellt sich, was denn aus der Natur «herausgerissen» wird, um mit Dürer zu sprechen. Dem hier gemeinten Anspruch ist mit dem Blick auf die Oberfläche nicht Genüge getan, es ist unabdingbar, mit einem künstlerischen Mikroskop den Dingen auf den Grund zu gehen...
Textauszug: Vom Staunen, Anna Magdalena Schafroth, in Kunstmappe Franziska R. (siehe Texte und Publikationen)
Die drei Grazien 1999
Ästhetikpostulate und der Künstlerblick auf die Frau schlechthin zeigen sich traditionell an Bildmotiven wie Venus-, Grazien-, und Madonnendarstellungen. Meinem roten Faden folgend eröffnete sich das Thema der drei Grazien am Motiv der makellos weissen und perfekt gebauten Tiere. Für die Hornlosigkeit und weitere genetische Makellosigkeiten hatte menschliches Forscherhirn gesorgt und für die konzeptuelle bildliche Erscheinung als erhabene Dreiheit zeichnete die künstlerische Hand. Ob und wie weiter assoziiert wird zu Begriffen wie strahlende Anmut, Freundschaft und Glück (Die drei Charitinnen) oder Mut, Weisheit und Schönheit (Hera, Athene und Aphrodite im Parisurteil), ist der Betrachtung überlassen.
Seien es nun Ziegen, Schweine, Kühe, ich suche immer nach besonderen Momenten und komponiere aus diesen das Bild. Bei den zwei Ziegenbildern „Noch Fragen?“ oder „Die Grasbeisserinnen“ mögen unter anderem soziale Themen im Hintergrund der Interpretation aufscheinen....
Schweineglück 2000
Die Schweineglückserie, mit dem Untertitel: „In heaven, we will all be together..“, nach einem alten Schlager, entstand im Millenniumsjahr. Sicherlich richtete sich die Sensibilisierung auf die damals allgemein präsente Glücksthematik und die Verwendung entsprechender Symbole. Andererseits fing mein Auge wiederum das Fleischliche der Haut, das hergezüchtet Menschenähnliche. Die Empfindlichkeit solcher Haut und solcher Augen, das erhabene Gehen auf Zehenspitzen und die Trägheit, Gefrässigkeit und verwunderliche tierische Duldsamkeit auf den Tod und das Gefressenwerden hin. Die Wärme der Sonne und den Leib des Nächsten als einzig zu wünschender Genuss...
Erinnerungen 2001
Die Miss aus Mahé
Pedro Lenz 2004
Still und stumm steht Stine,
Stine die nicht Stine heisst,
denn so hiesse höchstens
eine Stallkuh im Stroh.
Miss Boto steht dort,
steht dort angeschrieben,
während sie aus dem Bild schaut,
als hätte sie etwas zu erzählen.
Und gerne wüsste ich,
nur so, aus Neugierde,
wie der Bauer aus Mahé
auf diesen Namen kam.
Ein Schlitzohr, diese Kuh,
so wie die Wandergesellen,
denen einmal ein Meister,
den Ohrschmuck ausgerissen.
Wo hat sich die Miss bloss
dieses Ohr eingebrockt?
Noch einmal müsste ich
den fremden Bauern fragen.
Und fragen, wie viel Milch sie gibt,
wie oft sie gekalbert
und wie manchen Kreis sie schon
um ihre Palme gezogen hat.
Besonders wie manchen Kreis,
bin ja kein Viehhändler,
nur Kreiszähler, vielleicht,
Zuschauer und Kuhschauer.
(Gedicht zu Bild No 10)
Seht der Rinder grosse Augen!
Pedro Lenz 2004
...Zunächst möchte man sich entspannen, beim Anblick des Vertrauten. Man möchte die liebreichen Gefühle ruhen lassen, die diese Geschöpfe und ihre exotische Umgebung hervorrufen. Die vordergründige Beschaulichkeit will uns fast genügen. Doch bald macht sich eine vage Unruhe breit.
Die allmählich zunehmende Verwirrung hat nur wenig mit den Stricken zu tun, an denen die Tiere einzeln festgebunden sind. Für die dargestellte Methode der Rinderhaltung lassen sich leicht praktische Gründe finden. Auch der Umstand, dass die einzelnen Kälber und Kühe etwas schlanker sind, als unser Auge es sich gewohnt ist, lässt sich leicht verstehen. Die sichtbaren Unterschiede zur Viehhaltung in unserer vertrauten Umgebung sind erklärbar. Stricke an Palmen als Ersatz für elektrische Viehzäune, Kühe, die rund um ihre Palme einen genau definierten Kreis abgrasen, daraus liesse sich Literatur machen, ein Gedicht etwa, das den Kreis der Kühe mit dem Lebenskreis in Verbindung bringt. Die emotionale Verwirrung allerdings wäre damit nicht erklärt.
Der Grund für die Unruhe des Betrachters ist vermutlich ein anderer. Franziska R. bleibt nicht an der Anekdote hängen, wie das Tier am Baum hängen bleibt. Sie gestaltet die abgebildete Realität so, dass wir über die Realität hinaussehen. Was wir zunächst als Wirklichkeit verstehen, führt uns bald weiter. Bereits mit der Wahl des Bildformats schränkt die Künstlerin den Ausschnitt auf eine Weise ein, die dem scheinbaren Idyll entgegentritt. Das Format, zumal bei den hochgestellten Bildern, gehorcht den Palmen und nicht den Tieren. Fast will es scheinen, als hätten sich die Rinder schüchtern und nachträglich ins jeweilige Bild geschlichen, als hätte sie ihre langsame Neugierde dazu verleitet, in der Nähe des Geschehens zu stehen. Dabei stellen sich die Wiederkäuer nicht in den Mittelpunkt. Es ist, als wüssten sie um ihr doppeltes Angebundensein. Neben dem Strick ist es auch die natürliche Trägheit, die sie anbindet. Rinder brauchen ausreichend Zeit zum Verdauen, zum Begreifen, zum Posieren. Lange und geduldig warten sie an ihren Plätzen auf irgendetwas. Wir wissen nicht worauf, aber sie wissen es noch viel weniger.
Und was ist mit den Palmen, die hier als Hirten auftreten? Palmen sind nicht beliebige Bäume. Wer heute beispielsweise die nordspanische Atlantikküste bereist, trifft in den Dörfern, meist rund um die prunkvollsten Häuser, immer wieder auf Palmen. Sie gehörten denen, die man Americanos nannte. Die erfolgreichen Rückkehrer aus Übersee brachten vor hundert Jahren mit dem Reichtum auch die Palmen. Die fremden Pflanzen waren das Symbol des Erfolgs. Wer Palmen vor dem Haus stehen hatte, unterstrich damit, dass er das Paradies gesehen und erfolgreich ausgebeutet hatte....
Textauszüge: Kunstmappe Franziska R. (Pedro Lenz ist 1965 geboren und lebt und arbeitet in Bern als freier Schriftsteller.)
.
.
.
.
.
.
.
.
.