Installatives Konzept 2006
Der Werkzyklus Stroh & Gold – Paille et Or hat durch die Konzeption der Hängung und zusätzliche Objekte installativen Charakter. Die Serie 1-5 bildet so ein vierzehn Meter langes Panorama und die fünfteilige Arbeit No 6 erhält durch den Schattenwurf der Schrifttafeln erst ihr gesamtes Erscheinungsbild. Hinzu kommen plastische Elemente, die im Raum als Objektarrangements auftreten.
WERKE No 1 – 5 und WERK No 7:
Die Strohballen auf den abgemähten Weizenfeldern, früher kubisch, heute zylindrisch, lassen in Spielfigurenmanier die Landschaft zur Weltbühne werden. Sie liegen da und werfen in plastischer Aufdringlichkeit ihre Schatten über die goldenen gewellten Flächen, die „golden plains“, wie sie in Amerika genannt werden. No 1 – 5 bilden durch Panoramahängung ein perspektivisch zusammenhängendes Ganzes und No 7 verändert den Blick auf das Material durch Eingrenzung des Bildfeldes.
WERK No 6 (und WERKE No 8 und No 9):
Das französische „paillette“ verweist direkt auf die menschliche Faszination über die Erscheinung des Materials. Der Glanz und die Farbe liessen Stroh an Stelle von Gold als Besatz auf Gewändern zum Einsatz kommen. Die Frage der Gleichsetzung von Stroh und Gold wird im Volksmärchen intensiv auseinandergesetzt: In „Rumpelstilzchen“ , im deutschen Sprachraum literarisch festgehalten von den Gebrüdern Grimm, wird Stroh mit Gold gleichwertig, indem das eine sich in das andere verwandeln lässt. Wenn man von einer Macht spricht, die Materie beherrscht, so dass sie wie in diesem Beispiel eben Stroh in Gold verwandeln kann, dann geht man davon aus, dass ein Nebenprodukt (hier der Nahrungsherstellung) zu einem energiegeladenen Konzentrat von hohem Wert gemacht wird, indem Kräfte darauf einwirken, die den Menschen normalerweise nicht zur Verfügung stehen. Am Punkt der Feststellung menschlichen Unvermögens, sie zu erlangen, und gleichzeitiger Gier nach diesen Kräften, entsteht die Bereitschaft zur Unterwerfung durch Benennung dieser Macht in der Hoffnung auf mögliche Teilnahme und Nutzniessung. Der Wille zur Unterwerfung führt zur Bindung und bedingt Opferbereitschaft.
Der Preis für den Gewinn ist hoch: Die eigene Nachkommenschaft muss in Zahlung gegeben werden. Die Frage nach Regeln und Gesetzen solcher „religios“ wird in der Auseinandersetzung mit der Namensgebung dargestellt: Wenn die profitable Macht nicht präzise definiert, ihr also ein Name gegeben wird, kann sie nicht kontrolliert werden und Mensch ist ihr mit Haut und Haar ausgeliefert: Die Königin muss den richtigen Namen kennen, um den Dämon auf seinen Platz zu verweisen und damit seine Macht über sie zu bannen. Sie befreit sich durch die verlangte korrekte Bezeichnung der überlegenen Kraft und bekennt dadurch gleichzeitig ihren Glauben an dessen Existenz. Im deutschen Märchen heisst der teuflische Zwerg Rumpelstilzchen, ironischerweise kennt die Geschichte jedoch in den verschiedenen Ländern Europas unzählige „richtige“ Namen wie „Outroupistache“, „Ricdin Ricdon“ oder „Tom Tit Tot“ oder „Trillevip“ und viele mehr. Darin wird sogar die brisante Frage religiöser Abgrenzungskonflikte sichtbar: Welcher „richtige“ Name ist für wen verbindlich?
Indem Gold als höchster Wert aufgefasst wird, kann die Geschichte für eine kapitalistische Wertauffassung stehen. Wirft man einen Blick auf die Produktseite des Nebenproduktes Stroh, so steckt man sofort mitten im komplexen unentwirrbar vernetzten Themenfeld des weltweiten Handelns und Spekulierens mit Weizen. Die weltgrösste (Chicagoer) Weizenbörse ist insofern austauschbar mit dem Kämmerchen, wo Könige und Prinzessinnen mit Rumpelstilzchen ihre Geschäfte tätigen.
Werk No 8 verändert die Sicht nochmals durch Fokussierung und lässt subjektive Assoziationen aufsteigen, die sich bei Werk No 9 vollends manifestieren.
„Die Auffassung der Illusion der Bilder ist ein unbewusster Vorgang, wie er sich auch beim Betrachten einer Fotografie einstellt. Insofern kann zwar von Fotorealismus die Rede sein, aber mir geht es nicht um das Medium und dessen überhöhte Nachahmung, sondern um Verführung. Die seduktive Wirkung auf die visuelle Wahrnehmung soll an- und hineinziehen in die verborgenen Inhalte wie das Lebkuchenhaus dies mit Hänsel und Gretel tat. Ich will diese blitzartige Illusion in den Betrachtern herstellen, um Ausgangspositionen festzulegen. Von dort aus möge sich dann der Denkvorgang in Bewegung setzen. Ich gehe davon aus, dass das historische Bewusstsein bildimmanenter Erklärungen zu Bildillusion und Metaebene der Wirklichkeitswahrnehmung grundsätzlich in Betrachtern abrufbar ist. Dass dies kein Apfel oder keine Pfeife sei und wo sich die visuelle und kognitive Wahrnehmung begegnen und was daraus entsteht und entstehen kann, ist somit gewissermassen Bildungshintergrund in einer Gesellschaft, die spielerisch auf vielen Wirklichkeitsebenen zugleich existiert. Ich verzichte bewusst auf bildhafte Darstellung intellektueller Positionen, sondern arbeite mit assoziativen Ansätzen um manches offen zu lassen. Eine Bildwahrnehmung soll in diesem Sinn durchaus auch schlicht denkfreier Genuss sein können. Mit der Abstraktion als Bildungsgrundlage aufgewachsen, habe ich später den Weg in die gegenständliche Malerei beschritten. Retrospektiver Stilfundus, neue Medien, neue figurative Malerei und postmoderne Orientierungen nahm ich wahr und bin heute auf der Suche nach einfachen, die gegenständliche Illusion befragende Formeln für Inhalte, die mit mir verbunden sind. Zu den formalen stehen die technischen Lösungen allerdings meist durch hohen Aufwand im Gegensatz.
Im Abseits befinde ich mich anscheinend zu den wirbligen Bannkreisen der Kunstszene die ihre Schwerpunkte auf provokativen und plakativen Positionen sucht und findet, was wohl seine Berechtigung in lauten Umfeldern hat, wo sich selbst Meeressäuger auf der Flucht vor Lärm an Land werfen.“







