Kunstmappe
mit 20 Farbtafeln und einer s/w Broschüre zu Werken der Schweizer Künstlerin.
1. Auflage 1000 Exemplare,wovon 32 als Vorzugsausgabe mit Originalentwürfen zur Serie «Erinnerungen».
2005
Inhalt:
- Franziska R. – biografische Angaben und Ausstellungsverzeichnis
- Über mich und meine Bilder Franziska R.
- Vom Staunen. Anna Magdalena Schafroth
- Die Miss aus Mahé. Pedro Lenz
- Seht der Rinder grosse Augen! Pedro Lenz
- Wolkenbilder. This Rutishauser
- Die Welt ist Halma, Spielregeln. Franziska R.
- Halma. Büne Huber
Sabine Dormond, Montreux, für die französische Übersetzung.
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte
bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
© 2005 · Alle Rechte für die Bildreproduktionen
bei Franziska R.und alle Rechte für die Texte bei den Autorinnen und Autoren
Verlag: Stämpfli Verlag AG, Bern www.buchstaempfli.com
Gesamtherstellung: Stämpfli AG, Publikationen, Bern
Printed in Switzerland
ISBN 3-7272-1099-0
bestellen...
Über mich und meine Bilder (vollständiger Text)
Franziska R. 2004
Erste berufungsweisende visuelle Prägungen fanden in meiner Kindheit Eingang in mein damals noch frisches und wenig verbautes Gehirn. So zum Beispiel erinnere ich mich an das Bild der Reihe riesiger Metallnägel in der Flanke des ebenfalls jungen Kirschbaumes, als mein Bruder das Vorhaben, diesen bequemer besteigen zu wollen, in die Tat umsetzte. – Er studierte später Architektur. Trotz dem bin ich in einer Familie aufgewachsen, die den Naturbezug stark pflegte, so dass dabei der ausserhalb der Familie aufzubauende menschliche Umgang zur Besonderheit wurde. Auch innerhalb der Familie sah ich mich oft mit mir selber konfrontiert. Indem ich ab und zu im unheimlich weiträumigen und bis auf ein kleines Loch fensterlosen Keller mit Naturboden und grausig grünfingrig blätterlosen Geranien mir selbst zur Aufgabe gemacht wurde. Ich entwickelte einen ausgeprägten Sinn für die enge Wechselwirkung von visueller Wahrnehmung mit szenischem Empfinden. Ich verständigte mich auf metaphysischer Ebene mit unserer Hauskatze, nachdem ich der Finsternis durch ein kleines Fenster entkommen war, und fasste schon bald so manchen Entschluss für meine Zukunft.
Inzwischen haben wir uns gegenseitig einigermassen unter Kontrolle, meine Gene und ich. Was heisst, dass ich in die Jahre gekommen bin, wo ich nicht nur vorwärts gehe, sondern auch mal einen Blick hinter mich riskiere. Meine Bilder sind Stationen, die dort geblieben sind, wo sie sich verdichtet haben, und woran heute andere vorbeiziehen oder Halt machen. Ich habe mich in den landschaftlichen Verwerfungen der Bildsprache herumgetrieben und immer wieder ein Bild oder gleich ganze Serien gefunden: wie Pilze, angereichert und verdichtet. Während des langjährigen Versuchs, herauszufinden, was Menschsein, insbesondere weiblicher Mensch, für mein Leben und Wirken bedeuten soll, habe ich mich mit Themen beschäftigt, die ich unter anderem meiner humanistischen Bildung entnehmen konnte: Die Idee der Schweiz, als Touristikland stilistisch in der Zeit des Rokoko geprägt, führte mich zu szenischen Improvisationen mit fotografischer Auswertung im Berner Oberland.
Weiter stieg ich in die Welt bedeutungsverdichteter Gestalten griechischer Mythologie und beschäftigte mich mit Pythia, Pandora, Selena, Sibylla und anderen bildgebenden Motiven, die ich als reduzierte Figuren in gemalten Bildräumen inszenierte.
Inzwischen hatte sich das Erwachsenwerden angeschlichen und nach und nach meine Themen und Formulierungen verändert. Scheinbarkeiten, die mir da und dort plötzlich aus dem Gesums und Gewusel entgegenblitzen, Reflektionen von Verinnerlichtem in kleinen Spiegelsplittern: Die sammle ich heute und baue daraus meine Bildwelten. Eigentlich geht es darum, die kleinen Splitterchen sichtbar zu machen durch Verdeutlichung, Vergrösserung und Weglassung des Rests, so dass sie überhaupt für andere erkennbar werden. Als Künstlerin, die mit Reflektionen arbeitet, habe ich mich nach einigen Jahren der Beschäftigung mit abstrakter Gestaltung während meiner Studienzeit bald für die Gegenständlichkeit entschieden, die als Erscheinungsbild eine faszinierende Abstraktion in sich trägt. Die Illusion, nämlich die als realisierbar empfundene Entstehung von Vorstellungen, fügt sich ein in das, was wir das Reale nennen.
Letzten Endes gibt es nicht so viel, worüber zu reden wäre, sondern vielmehr gilt es, optischen Wellen den Zugang zu gewähren und das Spiel zu beginnen.
Vom Staunen (vollständiger Text)
Anna Magdalena Schafroth 2004
Durch Wolkenformationen geprägter blauer Himmel und darunter – ein Halma-Spiel! Diese irritierende Kombination von Naturschauspiel und menschlichem, allzu menschlichem Spielfeld findet sich am Anfang und zeitlich gesehen doch am Schluss der vorliegenden Publikation. «Die Welt ist Halma», die dazugehörige Vorstellung einer leicht subversiven Weltordnung, wird von Franziska R. wie ein Axiom, also wie ein ohne Beweis einleuchtender Grundsatz, aufgestellt und in Spielregeln nachvollziehbar erklärt. Die Beschäftigung mit Halma tauchte jedoch nicht erst kürzlich auf, sondern befand sich als Gedankenreservoir seit 1996 in Form eines kleinen, runden, von Franziska R. bemalten Tisches in ihrem Atelier. Seine Farbigkeit erinnert an barocke Stuckdecken. Im Zentrum der Tischplatte befindet sich ein gemaltes Halma-Spielfeld.
Das Zusammenfügen der Halma-Welt-Ideen mit den Wolken geschah ungefähr sieben Jahre später intuitiv, nach intensivem Fotografieren beider Motive. Ohne Anstrengung volllzieht sich während der Betrachtung der daraus hervorgegangenen Gemälde eine Metamorphose: Die Spielfiguren werden zu abstrakten menschlichen Figuren mit ihren jeweiligen Farben und entsprechenden Positionen auf dem Halma-Spielfeld. Sie spielen sich selbst und stehen nicht mehr stellvertretend für die Menschen rund um das Spielfeld. Die Wolkenbilder verstärken den Eindruck einer Metaebene der Wahrnehmung zusätzlich.
So wie sich Franziska R. mit Wolken beschäftigte, hat sie seit langem andere Naturobjekte zu Bildthemen gemacht: Tiere und Pflanzen bevölkern ihre Bildwelt, einer besonderen Ästhetik verpflichtet. Der Verweis auf die geradezu magische Schönheit der Dinge in ihren bildlichen Formulierungen fasziniert und irritiert gleichzeitig und erscheint als Ablösung vom provokativen Salonverhalten moderner Kunst.
Der Begriff Ästhetik im Zusammenhang mit Franziska R.s Schaffen ist in seiner Funktion als Projektionsfläche für die Blicke der Betrachter von Bedeutung. Die Heliconienblätter (Tafel 6) beispielsweise entfalten ihre ausserordentliche Schönheit. Entsprechend ihrer Sicht auf den Charakter der Pflanze wählte sie einen genau bestimmten Ausschnitt der Blätter mit deren beinahe federartigen Textur. Diese erinnert an einzelne grosse Vogelfedern mit rotem Kiel und dunkelgrünen, übergangslos rot endenden Strahlen des Federbartes.
Die Blätter der Keulenlilie (Tafel 7) werden zu erstarrten, tiefroten Flammen eines kalkulierten Naturschauspiels. Auch hier stellen sich Überlegungen ein zur Reproduzierbarkeit der gesehenen Natur. Albrecht Dürer formulierte im «Ästhetischen Exkurs zur Proportionslehre» im Jahr 1528: «Dann wahrhafftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie herauss kan reyssen, der hat sie.»
Der erste Schritt auf diesem Weg des Herausreissens der Kunst aus der Natur ist für die Künstlerin die Beobachtung und das anschliessende Fotografieren eines Motivs. Das Bildmotiv und die Komposition sind so vor der eigentlichen malerischen Ausführung bereits erarbeitet, so dass die Umsetzung mit Pinsel und Farbe zu einem Prozess des Veränderns und Verfeinerns führt. Das Malen wird zu einer aktiven Auseinander-setzung mit der Welt, und die Künstlerin sieht eher, was sie malt, als dass sie malt, was sie sieht. Wir, die wir die Bilder betrachten, können unsere eigenen Vorstellungen des Geschauten entwickeln und diese als weitere Ebene hinzufügen.
In den achtziger Jahren beschäftigte sich Franziska R. ebenfalls mit Film und schrieb 1989 in einem Text zu ihrer Ausstellung «Synthetisches» in der Foto Galerie Bern: «Meine Auseinandersetzung mit Film mag Einfluss nehmen bei der häufigen Konzeption von Bildergruppen. Die durch Vernetzung einzelner Bilder entstehende Aussage ist nach wie vor latent angelegt, sie formuliert sich – wenn überhaupt – erst durch die Synthese mit dem Betrachter.»
Die Untersuchung der Wirklichkeit findet also auf verschiedenen Wegen und mehrfach statt. So sind auch die Bildmotive auf den Seychellen, wo sich Franziska R. zehn Jahre später aufhielt, gründlich auf ihr eigentliches Wesen überprüft worden. Der Brotfruchtbaum, Palmen, grosse Stauden, Gräser mit Zitronenduft und andere Pflanzen bekamen während dieses fotografischen und schliesslich malerischen Umwandlungsprozesses einen von der Umgebung losgelösten Charakter und wurden typisiert.
Laut Hans-Georg Gadamer ist «das Werk der Kunst unersetzlich. Selbst im Zeitalter der Reproduzierbarkeit [...] bleibt das wahr. Was ist dies andere, das im Kunstwerk noch gegenwärtig
ist, anders als in einem beliebig oft herstellbaren Werkstück? Es gibt eine antike Antwort auf die Frage, die man nur wieder richtig verstehen muss: In jedem Kunstwerk ist so etwas wie mimesis, wie imitatio. Mimesis heisst hier freilich nicht etwas schon Vorbekanntes nachahmen, sondern etwas zur Darstellung bringen, so dass es auf diese Weise in sinnlicher Fülle gegenwärtig ist.»*
In den Bildern von Franziska R. ist eine deutliche Tendenz zu dieser von Gadamer definierten Art der Mimesis zu erkennen, welche die Ebene der Abbildung und Nachahmung verlässt und erfahrbar werden lässt, was sonst im Gegenstand selbst verborgen bliebe. Dazu gehört sowohl das unerbittlich genaue Studium der Motive als auch das leichte Verfremden derselben. Diese Tatsache mag erstaunen, da wir doch auf den ersten Blick eine genau nachgezeichnete und gemalte Bildlichkeit vor uns sehen.
Das Staunen entsteht vor allem deswegen, weil sichtbar wird, dass im Bildgegenstand viel verborgen bliebe, wenn es nicht herausgeschält würde. Die Frage stellt sich, was denn aus der Natur «herausgerissen» wird, um mit Dürer zu sprechen. Dem hier gemeinten Anspruch ist mit dem Blick auf die Oberfläche nicht Genüge getan, es ist unabdingbar, mit einem künstlerischen Mikroskop den Dingen auf den Grund zu gehen.
Angesichts der Bilderwelt von Franziska R. stellt sich im Hintergrund sicher auch die Frage nach der Moderne. Im Pluralismus der gegenwärtigen Auffassungen von Aufgaben und Formen der Kunst arbeitet die Künstlerin mit traditionellem technischem Material in einer bildsprachlichen Ästhetik, die sich mit Begriffen wie Ruhe, Klarheit, Differenziertheit und geordneter Gliederung verbinden lässt. Aber so klar geordnete Bilder verlangen nach einer inhaltlichen Hintergründigkeit, um nicht in eine glatte Schönheit zu verfallen. Diese Hintergründigkeit enthalten deutlicher erkennbar die Bilder mit Tieren. Die Darstellung eines Tintenfisches (Tafel 17) aus dem Jahre 1996 ist der Serie von zehn Einzelbildern mit dem Titel «Himmel und Hölle» entnommen und zeigt das archaisch wirkende Wesen der dunklen Meerestiefe in einer schläfrigen, trügerischen Ruhe. Inspiriert durch die Lektüre von «Das Gedächtnis der Natur» von Rupert Sheldrake malte Franziska R. Menschen als Eingemachtes, als Konserven. In acht Bildern aus dem Jahr 1995 windet sich die jeweils gleiche nackte Frauengestalt in unbequemen Stellungen auf dem Grundriss eines Kreises und versucht, sich in die gedachte Dose einzupassen (Tafel 16).
Das Motiv befindet sich durch die inszenierte Räumlichkeit in einem leer gedachten Raum. Franziska R. untersuchte diese Raumqualität, die zur Projektionsfläche werden kann, an Beispielen wie der «Verkündigung» von Fra Angelico (1387–1455). Der Engel der Verkündigung und Maria treffen in einem hellen, oben mit Rundbogen abgeschlossenen leeren Raum praktisch ohne Attribute aufeinander und sind auf den lediglich geistigen, mystischen Vorgang konzentriert (Abb. 2).
Eine mit ähnlichen Mitteln erreichte Verstärkung der metaphysischen Ebene tritt bei den letzten drei Tafeln in den Vordergrund. Sowohl im Gemälde «Die Mauerguckerin» (Tafel 18) von 1994 als auch in der Fotomontage «Ab Gang» (Tafel 19) ein Jahr später inszenierte Franziska R. Aufnahmen mit ihrem eigenen Porträt. In surrealer Art inszenierte sie 1988 nach Planung und Herstellen der Kostüme im September desselben Jahres im Lauterbrunnental die farblich verfremdete Fotoserie mit kostümierter Rokokohofdame und der hüpfenden «Freudenbergerin» (Tafel 20). Die vorliegende Fotografie mit Wurzelholzrahmen lässt eine eingefrorene Künstlichkeit entstehen, in welcher die Frauengestalt in einer dem 18.Jh. verpflichteten Volkstracht im Gebirge mit hoch erhobenem Schirm absurde Sprünge wagt.
Eine andere Wirkung als das Eingeschlossensein der menschlichen Gestalten in ihrer Situation und der Meerestiefe, in welcher der Tintenfisch vor sich hin dämmert, entfalten die Tierbilder in den Serien mit Kühen, Ziegen und Schweinen aus den Jahren 1999 bis 2001 (Tafeln 11 bis 15). Ein helles Kolorit und die heitere Grundstimmung in den Ziegen- und Schweinedarstellungen lassen beinahe vergessen, dass es sich bei den weissen, hornlosen Ziegen um Versuchstiere einer besonderen Zucht handelt. Die Schweine erhielten menschliche Züge und sind ebenfalls nahe an der hohen Ästhetik der bereits besprochenen Pflanzenbilder anzusiedeln. Die auf den Seychellen fotografisch registrierten Kühe verwandelten sich in 25 Bildern zu eigenwilligen, in sich ruhenden Kuhwesen, die zum Teil an in die Höhe ragenden Palmen festgebunden sind (Tafel 12). Diese künstlerische Umformung im leeren Raum lässt sie distanziert vom eigenen Dasein und in feinen Nuancen abstrahiert erscheinen. Franziska R. reagierte ohne direkte Bezugnahme auf die Problematik der damals aktuellen BSE-Krise. Im Hintergrund wird indirekt die ausgebrochene Panik mit dem Töten und Verbrennen von Tausenden von Rindern in Europa spürbar.
So stellt sich ein Staunen ein über diesen ausgeprägten Abstraktionswillen innerhalb einer subtil gegenständlichen Bildlichkeit, welche als künstlerische Gegenwelt zum provokativen, lauten Klang der täglich wahrnehmbaren Alltagskultur erscheint.
Anna Magdalena Schafroth ist 1961 geboren, lebt in Bern und arbeitet als freie Kunsthistorikerin unter anderem für das Kunstmuseum Bern.
